Zeit und Raum im Werk von Hans Albrecht
Überblickt man das Werk von Hans Albrecht in seiner Gesamtheit, so erweisen sich strenge, geometrische Formulierungen sowie der Bezug zum Landschaftsraum als zentrale Ausdrucksformen. Landschaft versteht sich hier als aufgespürte und mit Sorgfalt gewählte Umgebung; zugleich entnimmt Albrecht ihr das Material Holz, welches in eine zeichenhafte Sprache überführt wird. Der Künstler realisiert seine Arbeiten im Außen- sowie im Innenraum. Der Betrachter sieht sich dadurch wechselnden Situationen der Wahrnehmung gegenüber, ist auf verschiedene Weise Teilhaber am Kunstwerk.
Den Ausgangspunkt in Albrechts Werk bilden, zu Beginn der siebziger Jahre, graphische Arbeiten. Dargestellt sind akribisch gezeichnete, zwischen Konkretion und Abstraktion hin- und herspringende Formationen, die von realen Gegenständen ausgehen. Hans Albrecht suggeriert Räumlichkeit: Materialität und Stofflichkeit deuten sich an, ohne dreidimensional realisiert zu sein. Aus großen monochromen Flächen erwachsen an wenigen Stellen organisch-technoide Mischformen; das einzelne Detail erhält innerhalb der umfassenden, minimal strukturierten Raumgestaltung fundamentale Bedeutung.
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Werkverzeichnis 13/76, Blei- und Farbstift auf Papier 65 x 50 cm |
Ende der siebziger Jahre überträgt Albrecht diese zeichnerisch behandelten Raum-Gegenstandsbeziehungen auf Objekte. Herausgearbeitet werden zugleich, im Verhältnis von Detail und Gesamtheit, Form- und Materialkontraste. Auch weiterhin wird die einzelne, in der Regel primäre Struktur relevant bleiben: An hoch aufgerichteten Stelen finden sich einige wenige, oft rechtwinklig abzweigende Lineaturen; und bei den aktuellen Arbeiten, den Innenraumplastiken der letzten Jahre, setzt Albrecht stereometrische Einzelformen integriert oder additiv an große, klare Flächen.
Von 1978/79 an entstehen Aktionen, Plastiken und Installationen im Landschaftsraum. Dieser wird zum bewusst erlebten Ort, der über die deskriptive Ebene der Formen, Farben und Raumverläufe hinaus subjektive Empfindungen auslöst. Die Eingriffe, die Hans Albrecht vornimmt, finden in diesem Spannungsfeld von nüchterner Faktizität und sensuitiv-sublimem Wahrnehmen statt. Oft sind sie so platziert, dass sie eher zufällig von Spaziergängern entdeckt werden. Manchmal türmen sie sich vor diesen auf, dann wieder sind sie unauffällig in die natürliche Umgebung integriert. Albrecht nimmt vorgefundene Naturformen und situative Vorgaben zum Ausgangspunkt seiner Arbeiten. [...]
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Werkverzeichnis 6/82 |
Seit einigen Jahren sind die landschaftsbezogenen Arbeiten in den Hintergrund getreten, ohne aber an Relevanz zu verlieren. Das Material und die Formensprache bleiben im Innenraum weitgehend erhalten. Die raue Oberfläche, die Hans Albrecht bei den Werken im Freien bevorzugt, weicht nun einer homogenen schwarzen Schicht, die an industrielle Fertigungsprozesse denken lässt.
Die Perspektive des Betrachters spielt hier ebenso eine Rolle wie die Dimensionen und die Gliederung der einzelnen Arbeiten. Zugleich werden formale Korrespondenzen offensichtlich, welche die Arbeiten installationsartig aufeinander beziehen. Viele dieser Plastiken beschränken sich auf wenige Elemente, die vermittels des schwarzen Farbauftrags und über das Verhältnis von Positiv- zu Negativwerten konturiert werden.
Etliche der Gestellplastiken besitzen eine geringe Tiefe; in ihrer geometrischen und additiven Linearität kennzeichnet sie ( vergleichbar der Wirkung von Gegenlicht) ein silhouettenhaft-flächiger Eindruck. Zugleich fördern die Strenge und Statuarität den Charakter der Introvertiertheit. Antagonistische Prinzipien treffen aufeinander: Vertikal - schräg - horizontal; rund - kantig; ruhende und stabilisierende Verstrebungen - hängende, scheinbar fallende Elemente.
Neben den Gestellplastiken und den Wandstücken stellen die Bodenarbeiten einen wesentlichen Aspekt in Albrechts Werk dar. Hier liegen raumgreifende Formationen vor, die sich aus überwiegend rechtwinkligen Verläufen konstituieren und dabei den Boden flächig besetzen. Möglichkeiten der Variationen ergeben sich durch das Versetzen oder Hinzufügen von Primärstrukturen. In ihrer räumlichen Ausdehnung erschließen sich die Arbeiten nur allmählich. Offensichtlich sind die architekturalen Anklänge, die der Realität entnommen scheinen und gelegentlich narrative Bezüge vermitteln; diese werden jedoch durch die Gesamterscheinung relativiert.
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Bodenplastiken 1993 Holz, Acrylfarbe Länge je 300 cm |
Im Nebeneinander im Ausstellungsraum lassen sich die Bodenplastiken durchaus als Sinnbilder einzelner, nicht näher spezifizierter Lebensabschnitte verstehen. Neben der (diachronen) Abfolge von Zeit vermitteln die Arbeiten auch ein synchrones Erleben von Zeit: Die objektive Zeit wird in eine subjektive Ebene transponiert. Die lineare Gleichzeitigkeit der Plastiken lässt den Raum als solchen - die Tiefe der Arbeiten, die analog und im selben Moment wahrzunehmen ist - bewusst werden. Hans Albrecht bezeichnet neuere Plastiken als "Partituren" und verweist damit auf die Nähe der streng linearen Bodenplastiken zur konventionellen musikalischen Notation.
Im Vordergrund steht also ein Zeitbegriff, der sich an der Simultaneität verschiedener linearer Systeme orientiert. Bereits einzelne Plastiken im Außenbereich liefern Hinweise auf die Musik: Holzstücke, die sequenzartig an Bäumen befestigt sind und an Glockenspiele erinnern, die sich im Wind bewegen, oder fünf Schnüre, die, übereinander angeordnet, musikalische Systeme suggerieren. Der Klang, der hier visualisiert auftritt, bleibt gewissermaßen erhalten.
Neuerdings entstehen kastenartige Arbeiten, die zumeist als Bodenplastiken realisiert sind und von Hans Albrecht "Zeitspeicher" genannt werden. Nur bedingt ist hier ein Einblick in den Innenraum möglich; angedeutet werden Strukturen, die im Kasten gleichsam vor der Vergänglichkeit bewahrt werden, dort vielleicht inhaltliche Komponenten besitzen. Verstärkt wird hier der Eindruck des Geheimnisvollen, den ja bereits die schwarze Farbschicht evoziert. Auch in diesen Arbeiten löst sich Albrecht von der Farbigkeit und Struktur des Holzes, trotzdem gibt der Künstler diesem Werkstoff weiterhin den Vorzug gegenüber anderen Materialien. [...]
Auszug des o.g. Aufsatzes aus: Hans Albrecht, Plastik und Graphik, Werkauswahl 1982 - 1993
Gerhard van der Grinten
CANTUS
Ein Flügelrauschen. Eine ganze Welt (Hans Bethge)
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Dies mag am Oeuvre Hans Albrechts mit das Fesselndste sein: wie sehr die Dinge unter seinen Händen überzeugend werden, umso mehr, je zurückhaltender der Zugriff und die Fügung blieben. Unfragbar schlüssig und in sich stimmig immer wieder überraschend: denn es ist keinesfalls ein Werk, das sich im übermütigen Gefallen verausgabt, ganz im Gegenteil sogar von äußerster Verknappung, Strenge und Konsequenz. Die Verhaltung ist nicht Geste, sie ist notwendig, sie prägt ein Wesen aus, das in aller Vielzahl der Erscheinungen und Disziplinen eine in sich geschlossene Identität zeigt, ohne sich zu wiederholen, ohne zu ermüden. Ja mehr noch scheinen sich die Äußerungen, Zeichnung, Druckgraphik, Collage, Photographie, Plastik bis hin zur Land-Art-Unternehmung gegenseitig immer wieder zu erfrischen und zu erweitern. Es kommt ein Habitus des Machens hinzu, der heute unmodern und ungewöhnlich wirken mag, wo sich allerorten Jungartisten mit eiligen und schnellen Ergebnissen brüsten und zufrieden geben. Der, hohen Anspruchs an sich selbst und an das, was man aus seinen Händen entlässt. Sofern eine lackierte Kiste überhaupt makellos sein kann, hier ist sie's, weil das ihrem Wesen zusteht. Und was gesetzt ist, ist, wie es notwendig sein müsste, und in all seiner Eigenart stets einleuchtend und überzeugend. Kunst, die sich so entschieden im ungegenständlichen Raum bewegt, könnte kaum je mehr für sich verlangen. [...]
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Werkverzeichnis 8/94 Holz, Acrylfarbe 45 x 45 x 45 cm |
Jenseits der stofflichen Ebene, denn die ist alles andere als sensationell, war anfangs häufig das Vorgefundene: Nadelholzstämme, Steine, Tannenzapfen, Angeschwemmtes auch, Treibholz, dann Nesselstoff, Tuchbahn für Segel, Schnur und Seil, um zu verbinden: als eine Aeolsharfe zwischen Bäumen. Später Glatteres, vorgefertigte Materialien: Tischlerplatten, Kanthölzer, Rundstäbe bis zur Mächtigkeit einer Telegraphenstange. Der Verlust der Individualität dieser Elemente gibt dem fertigen Ganzen jedoch um so mehr Verbindlichkeit und Geltung: gesägt, gefügt, verbunden. Das ohne eigentlichen bildhauerischen Zugriff, einfarbig gefasst hernach, häufig schwarz, seltener in tiefsonorem Braun. Und damit ein Stück geworden, ein Stoff, ein Teil. Diese äußere Form, die das Stück beherrscht, zur Stele macht, zur Säule oder aber zum Schrein und Futteral für Dinge, findet Auflösung in Kammern, die sie entbirgt, oft mehrere, gleichartige, weist ein Innenleben auf, das halb eröffnet wird und dessen Füllung doch halb im Verschwiegenen bleibt: Gefäße, Ziegel, die in ihren Luftöffnungen die große Form selbst wieder aufnehmen, Tonkegel als metaphysische Geräte; vielleicht werden sie durch jene Innenwerke dazu, und manchmal durch die Leere, wie jener Dreiecksgiebel, der sich, mit einer fensterartigen Aussparung, umgekehrt aus einem Pfeiler erhebt.
Oder jenes Objekt, das ein Messingrohr umgibt, wie eine Röhrenglocke, ein unangeschlagener Klangkörper und der Ton, den er nicht sendet, ist doch spürbar und präsent. Die Symmetrien sind streng, die Raumfolgen zählbar, doch Zahlensymbolik fällt hier nicht ins Gewicht. Es wohnt vielmehr dem Ganzen ein Zug von Harmonie inne, in dem Sinn, dass Geometrie, Skalen, Folgen, Gitter sich gemeinsam nach den Maßgaben musikalischer Kompositorik zu verhalten scheinen, in den Kategorien von Dauer, Ablauf, Metrum, Takt. Wirkt in hohem Maße agogisch ausgewogen, rhythmisch, parallelgeführt in Stimmen, kontrapunktisch in den Ereignissen, Melodiebögen folgend, eingehalten auf Fermaten. Kleine Formen korrespondieren den Großen häufig, schon in den frühen Arbeiten. Dort mochten es die Markierungen mit Seilen sein, der Verbund verschieden langer und mächtiger Hölzer, der Aufsatz einer Stirnfigur.
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Werkverzeichnis 64/95 „Platz im Goldenen Schnitt“ (Holz, Messing, Acrylfarbe) 12,6 x 60 x 60 cm |
Nun sind auch die Exzenter geometrisch exakt, im gleichen Ton, kragen förmlich aus der Masse, dem Block: Winkel, Klötzchen, Zapfen, Grate, durchgehende und unterbrochene Kanellierungen. Fast, als handele es sich um verschlüsselte Nachrichten, lesbar, wenn auch nicht eigentlich zu entziffern.
Einige scheinen beinahe wie Architekturmodelle von versammelter Bebauung, von Wegleiten, manche ducken sich in einer Fuge zwischen zwei aufragenden schwarzen Wänden und sind nur aus einem ganz bestimmten Blickwinkel entborgen. Versteckt wie eine Innenwelt. Deckaufbauten andere auf einem Schiffsrumpf. Andere führen Kanäle und durchgängige Passagen. Der Raum, der sie umgibt, jener der Bodenplastiken zumal, wird dabei selber Landschaft. Solche aus mehreren Teilen schließen in ihrer Mitte Gemarkungen ein, Innenhöfe. Ensembles wirken in der Tat wie eine Folge von Baukörpern, zwischen denen sich wandeln lässt, anstatt, dass sie vereinzelte Elemente einer ausgelegten Plastik wären. Und wie sie sich den Raum untertan machen, eignen sich diejenigen an den Wänden die Flächen an. Queren hochaufragend und weiten die Dimension der Wand nach oben, zu den Seiten. Angelpunkt, wo sie die Richtung wechseln. Und dann ist eine gestufte Platte, die sich im goldenen Schnitt von der unterliegenden erhebt und zu beiden Seiten eine Symmetrie von Messingstiften trägt, auf der untren Ebene querend dazu einen Kanal sich öffnen läßt, ein Feld von unerhörter Weite.
Selten nur tritt Farbe auf. Dann ist es ein Gegenton: leuchtendes Orange bevorzugt, neuerdings auch Grün. Beide besonders intensiv kontrastierend zu dem tiefen Schwarz und seinem Widerglanz. Oder der Naturton des Holzes, die irdene Bräune der Ziegel, das Metallische. Eigentümlicherweise wirkt diese farbige Zutat nicht anekdotisch, sie unterstreicht den Eindruck der Strenge nur. [...]
Auszüge des o.g. Aufsatzes aus: Katalog Hans Albrecht. Plastik und Grafik. Werkauswahl 1994 - 1999